Eine kleine Ostergeschichte

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Es war ein grauer Morgen und der kleine Hase Hardi hatte so gar keine Lust in die Schule zu gehen. „Och Mama….“, rief er von seinem Zimmer aus, dass er sich mit seinen sieben Brüdern teilte: „Kann ich nicht zu Hause bleiben und Dir, Papa und Opa beim Ostereier färben helfen?“

Hardi wartete und hoffte der Ton in seiner Stimme würde seine Mutter erweichen. Doch eine Hasenmutter mit 15 kleinen Hasenkindern ließ sich selten etwas vormachen. In fast zwei Wochen war Ostern und es gab noch so viel vorzubereiten. Da würde der kleinste Hase in der Familie nur im Weg sein. In der Häschenschule war er besser aufgehoben.

„Nein, auch Du wirst – wie alle Deine Geschwister vor Dir – in die Häschenschule gehen. Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder kleine Hase eine Ausnahme machen würde. Das gibt es hier nicht.“ Dieser Ton seiner Mutter ließ keinen Zweifel aufkommen. Hardi musste zur Schule und zog sich leise vor sich hin murmelnd an.

Hardi war nicht nur der jüngste Hase in der Hasenbande, er war auch der Kleinste und sein Fell war nicht so schön braun, wie bei seinen großen Brüdern und Schwestern. Manchmal fühlte er sich ganz schön einsam in seiner großen Familie. Dabei wollte er doch nur helfen und Teil des großen Osterzaubers sein.
Seufzend nahm Hardi seinen Tornister und ging im Hasenbau von der Schlafstube der Jungen  in das große Wohnzimmer, wo ein Stimmengewirr herrschte, wie in einem großen Bienenschwarm. Doch es war „nur“ die Hasen-Großfamilie bei den Ostervorbereitungen.

Wie jedes Jahr galt es Unmengen von Eier bunt anzumalen, zu verpacken und kleine Osterkörbchen zu verzieren. Dafür benötigte man schon eine Großfamilie. Und in der Mitte von ihnen allen saß Opa Hase, seines Zeichens der älteste, lebende Osterhase der Welt. Er mümmelte an seiner Hasenpfeife und unterzog die bunten Eier der finalen Prüfung, bevor sie in die Körbe verteilt wurden. Ja, seine Brut hatte mal wieder alles gegeben. Jedes Ei strahlte vor sich hin und die Sattheit der Farben weckte immer noch ein warmes Gefühl in seinem Inneren. Aus den Augenwinkeln sah Opa Hase, wie sein jüngstes Enkelkind sich vorbei an allen Geschwistern Richtung Küche machte. Der Kleine. Noch war er zu klein und ging in die Häschschule. Aber vielleicht konnte er ja schon im nächsten Jahr an den Vorbereitungen teilnehmen. Er hatte ein besonderes Gespür für Farben und Opa Hase war sicher, dass seine Eier die schönsten in der ganzen Hasenfamilie wären. Und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte Hardi auch schon dieses Jahr seinen Teil zum großen Fest beitragen dürfen. Aber in der Hasenfamilie hatten die Frauen das Sagen. Auch wenn er der große Osterhase war, seine Frau, Oma Hase und seine Tochter und Hardi’s Mutter hatten sich klar und deutlich ausgedrückt. Die ersten 7 Jahre ging ein Hasenkind in die Hasenschule. Da führte kein Weg daran vorbei.

Hardi sah sich im Wohnzimmer um. Überall waren Farbtöpfe, Pinsel und eifrige Geschwister mit farbbespritzen Kitteln. Nur er durfte nicht dabei sein. Noch nicht. Wie schon so oft fühlte er sich außen vor. Er war der Jüngste und alle seine Geschwister waren älter und durften wie selbstverständlich an der Hasenparade, dem Eiermalen sowie allen anderen Vorbereitungen für das große Fest teilnehmen. Und gerade die große Hasenparade durch das ganze Hasendorf…. es war das Ereignis am Ostersamstag und läutete für Hardi das eigentliche Osterfest ein.
Er verzog seine Schnute und schnüffelte Richtung Küche. Oma Hase hatte wieder einmal sein Lieblingsfrühstück gezaubert. Möhrenraspeln mit einer Prise Zitrone und dem Duft der frischen Äcker. Hardi sprang lächelnd zu seiner geliebten Oma. So konnte der Tag zu guter Letzt dann doch beginnen. Und kurze Zeit später war er auf dem Weg in die Häschenschule.

Später am Tag schaute Opa Hase in der Scheune nach dem Rechten. Hier war Papa Hase mit seinen drei Ältesten an der Arbeit und baute den Wagen für die Hasenparade. Opa Hase bekam immer den größten und schönsten Wagen. Aber das hieß auch: doppelt so viel Arbeit für Papa Hase und seine Kinder. Aber wie auch beim Eier bemalen: eine Großfamilie bekommt auch Großes geschafft. Zufrieden schaute Opa Hase seinen Lieben bei der Arbeit zu.

Da hörte er von weitem, dass Hardi von der Schule nach Hause kam. Laut pfeifend und mit großen Hüpfern kam er um die Ecke.

„Na, mein Jung. Wie geht es Dir? Was Schönes gelernt?“

Hardi überlegte einen Moment: „Ja. Wir haben heute Farben mischen gehabt. Ich wusste schon alles und die Lehrerin hat mich gelobt.“ Opa Hase strich seinem Enkel liebevoll über den Kopf und über die großen Hasenohren.
„War das alles?“ fragend schaute Opa Hase hinunter auf Hardi, der am liebsten direkt in die Scheune gerannt wäre. Doch Papa Hase schimpfte gerade, weil die Halterung für den großen Eierkorb vom Wagen gefallen war. Das war keine gute Luft für den kleinen Hasenmatz. Hardi dreht sich zu seinem Opa um: „Du, ich habe eine Frage. Der Lehrer hat heute einen Vortrag über Werte gehalten. Und jetzt soll jeder von uns einen Aufsatz schreiben und die Werte seiner Familie. Ich… na ja….“, Hardi druckste rum. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“ Große fragende Augen schauten auf Opa Hase und Hardi sah, dass er – wie immer wenn er nachdenken musste – seine Hasenpfeife von der einen Backe zu der anderen Backe schob. Hardi lächelte. Er liebte seinen Opa über alles. Und die anderen Hasenkinder in der Häschenschule beneideten Hardi. Denn sein Opa war der große Osterhase. Und somit im Hasendorf ein geachteter Hasenmann. Er hatte bisher auf jeden Frage eine Antwort gefunden. Und da würde Hardi auch sicher eine Antwort auf die Frage nach den Familienwerten erhalten.

Am Abend als die ganze Familie am großen Esstisch sich versammelt hatte, war Hardi mit seiner Frage noch nicht viel weiter gekommen.

Beim Essen ging es ganz kunterbunt zu; mit 15 Hasenkindern, Eltern und Großeltern und etlichen Onkeln, Tanten und Cousins/Cousinen konnte Hardi kaum sein Stimmchen gegen die lärmende Familie erheben. So langsam wurde es ihm zu viel. Ständig musste er sich Stimme oder Raum verschaffen; keiner achtete auf ihn.

Voller Wut fegte Hardi seinen Teller mit Besteck den Tisch lang. Leider genau in dem Moment, wo sein Vater sich nach vorne beugte, um noch etwas von dem leckeren Möhreneintopf zu nehmen. Hardi sah nur noch die Suppenkelle mit samt Eintopf durch die Luft fliegen, Mama schrie auf und seine kleinste Schwester Helene quickte und sprang entsetzt zur Seite. Leider genau in die Richtung, wo der große Farbeimer für das Riesen-Deko-Ei stand. Hardi schloss die Augen und fing an zu beten: „Bitte, bitte, bitte…. lass‘ nichts das Deko-Ei treffen!“.

Doch Hardi wäre nicht Hardi, wenn in seiner Gegenwart nicht immer wieder einmal ein kleines oder größeres Unglück geschehe. Wie gesagt, so passiert. Sein Vater wurde fast von Hardi’s Gabel getroffen, die Suppenkelle flog durch den Raum und Helene fiel in das Deko-Ei. Hardi schloss die Augen und wartete auf das Geschrei.

Doch…. nichts geschah. Stille.

Hardi blinzelte durch das rechte Auge: alle erwachsenen Hasen waren wie erstarrt und seine Geschwister bzw. Cousins hielten aus lauter Angst den Mund.

Alles wirkte wie im Traum.

Doch plötzlich brach Opa Hase in schallendes Lachen aus: „Ha, ha, ha….. dieses olle Ei. Wir wollten es doch schon ewig ersetzen.“

Hardi traute seinen Augen kaum. Auch die anderen erwachsenen Hasen im Raum stimmten in das Lachen von Opa Hase ein. Jeder schüttelte sich vor Lachen. Hardi rieb sich die Augen. War es möglich?

Ja…. auch Hardi’s Vater blickte zwar streng, aber mit einem Schmunzeln in den Augen auf Hardi nieder: „Tja, mein Sohn. Das hast Du wohl das Ei vom Kolumbus gefunden… oder zerdeppert! Jungs, da haben wir morgen noch ein bisschen Arbeit vor uns. Aber ich habe noch Entwürfe für ein neues Ei in der Werkstatt, das bekommen wir wieder hin. Wenn wir alle zusammenarbeiten!“ Hardi verstand nur Bahnhof und blickte immer noch etwas ängstlich auf seine Mutter.

„Ach Hardi!“, rief seine Mutter aus. “ Was ist denn los mit Dir? Hat Dir der Eintopf und die Eierbrote nicht geschmeckt?“ Hardi wagte aufzuschauen. „Nein… äh…. doch, also ich…“, stammelte er sich zusammen. „Ich wollte doch nur was fragen!“, brach es aus Hardi aus.

„Dann frag‘, mein Kleiner!“, Hardi’s Oma streichelte ihn über seine tapsigen Löffel. „Was hast Du auf dem Herzen?“ fragte sie ihn und beseitigte gleichzeitig das Chaos auf dem Tisch.

„Ich muss einen Aufsatz über Familienwerte schreiben. Aber ich weiß noch immer nicht wie?“, brach es erneut aus ihm heraus. Opa Hase nahm seine Pfeife aus dem Mund, setze sich wieder gerade hin und fing an zu reden.

Es wurde ein langer Abend. Hardi lernte von seiner Familie etwas über Liebe, Zusammenhalt, Tradition und Beständigkeit. Aber auch über Freundschaft, Verantwortung, Zuverlässigkeit und gegenseitig Rücksichtnahme. Er schrieb alles eifrig nieder. Das war der beste Aufsatz aller Zeiten.

 

Und so ging Hardi mit einem Lächeln ins Bett. Er hatte eine wirklich tolle Familie. Und nächstes Jahr wäre er endlich alt genug, um an allen Vorbereitungen teilzunehmen. Und bis dahin würde er einfach ein fröhliches und etwas tollpatschiges Hasenkind bleiben und froh sein, dass er eine so große Familie hatte, die ihn liebte und die er lieben konnte. Und sein Lehrer würde sicher auch stolz auf seinen Aufsatz sein.

ENDE

Damit wünsche ich euch, meinen Lesern und Abonnenten, ein wunderschönes Osterfest. Und wer selber mal die Häschenschule besuchen möchte, dem empfehle ich mein ultimatives Häschen-Buch aus meiner Kindheit*:

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Über Nelle

Ich liebe Bücher. Schon bevor ich in die Schule gekommen bin, hat mich die Welt der Bücher gefangen genommen. Und seitdem hat sich nichts verändert. Jedes Buch, dass mir in die Hände fällt, wird gelesen. Na gut... nicht wirklich jedes. Aber fast jedes.
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